Spenden
News Archiv

Interview aus eMag dem Mitarbeitermagazin von Infineon mit Uschi Winter

eMag Februar 2018

 

Im Thomas Wiser Haus finden die Kinder immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte

21.02.2018

Viele kennen das Thomas Wiser Haus (TWH) von unserem Weihnachtswunschbaum. Doch Infineon und das TWH verbindet mehr. Zum Beispiel hatte CLIMB im Rahmen seines Social Event schon mehrfach dort beim Malern oder Renovieren geholfen. Auch spendete Infineon seit 2001 öfter Geld – etwa für eine Kletterwand im Haus am Regenbogen oder für die Anschaffung von Bezugstieren für die Gruppe Noahs Nest. eMag bat Erziehungsleiterin Ursula Winter um einen Blick hinter die Kulissen.

 

Ursula Winter läßt uns ins Thomas Wiser Haus schauen.

eMag: Ist das Thomas Wiser Haus ein Waisenhaus?
Ursula Winter: Das Haus wurde 1880 gegründet als Einrichtung für Sozialwaisen. Zu dieser Zeit herrschte überall große Not, die Bevölkerung war sehr arm und kinderreich. Mit einer Erziehungsanstalt für arme Kinder wollte der Gründer Thomas Wiser so gut es ging Abhilfe leisten. Heute sind wir eine heilpädagogische Einrichtung mit einem umfassenden Angebot für Familien in Not. Wir nehmen Kinder auf, die das Thema Missbrauch, Verwahrlosung, Schulprobleme oder psychiatrische Diagnosen mitbringen. Ziel ist, miteinander einen neuen Weg zu finden.

 

Was ist passiert, dass ein Kind ins THW kommt?
Die Kinder kommen über das Jugendamt von Stadt oder Landkreis Regensburg oder der umliegenden Landkreise zu uns, und zwar im Rahmen der "Hilfe zur Erziehung", auf die jede Familie und jedes Kind nach SGB VIII (Sozialgesetzbuch) Anspruch hat. Wir haben aber auch Inobhutnahmen, also Aufnahmen aus einer akuten Notsituation. Die Kinder sind von ein paar Tagen bis zu Jahren bei uns, dann muss man sehen, wie es weitergeht. Inobhutnahmen nehmen tendenziell zu. Denn auf Grundlage von § 8 A SGB VIII wird heutzutage eher schnell gehandelt - als zu spät.

 

Wie sieht der Alltag im TWH aus?
Das hängt stark von der jeweiligen Gruppe und vom Alter der Kinder ab und wie viel Unterstützung sie brauchen. Es fängt an bei Gruppen für sehr junge Kinder und geht bis zu Gruppen für Jugendliche, die bis zur Volljährigkeit bei uns bleiben. Nicht alle sind in Regenstauf, sondern es gibt auch Gruppen in Cham, Ramspau, Ponholz, Willmering oder Regensburg. In Summe haben wir 17. Unsere heilpädagogischen Kinder- oder Jugendwohngruppen sind eine stationäre Hilfeform für Kinder und Jugendliche, die Hilfebedarf aufgrund ihrer Entwicklung haben oder deren familiäre Situation hoch belastet ist. Die Kinder leben zu acht oder neunt wie in einer großen Familie. Sehr wichtig ist der geregelte Tagesablauf und dass sie lernen, ihren Alltag zu gestalten. Die Gruppen sind "Heimat auf Zeit". Ziel ist die mögliche Rückkehr zu den Eltern, in eine Pflegefamilie oder in eine eigenständige Lebensführung, wenn sie schon älter sind.

 

Sie haben auch therapeutische Gruppen. Was ist dort anders?
In therapeutischen Gruppen wie der Villa Kunterbunt leben weniger Kinder, maximal sechs, und sie bekommen intensivere Betreuung. Oft bringen sie heftige traumatische Erfahrungen wie Gewalt, Missbrauch oder Verwahrlosung mit. Dazu beschäftigen wir im Haus auch einen eigenen Fachdienst z.B. Psychologen.

 

Die Gruppe Lilli beherbergt minderjährige Mütter...
... und ihre Kinder. Oft kommen sie schon in der Schwangerschaft zu uns, weil sie ihr Kind nicht in der Herkunftsfamilie aufziehen können, sei es aufgrund eigener Probleme oder Belastungen in der Familie. Da die Mütter sehr jung sind, versuchen wir bei Lilli, sowohl dem Kind als auch den Bedürfnissen der jugendlichen Mütter gerecht zu werden. Bei uns lernen viele erstmals eine feste Tagesstruktur kennen, lernen, was ihre Kinder brauchen. Das fängt mit einer gesunden Ernährung an und hört mit der emotionalen Beziehung auf.

 

Gleich unter Lilli wohnen die Urmels, eine für den ostbayerischen Raum einmalige Gruppe.
Die Gruppe Urmel gibt es seit 2013. Urmel ist eine Notaufnahme- und Kleinkindwohngruppe. Sie nimmt Kleinkinder von null bis sechs Jahren aus akuten oder chronischen Gefährdungssituationen auf, bei denen eine Trennung von den Eltern zum Schutz des Kindes notwendig werden kann. Es leben acht Kinder dort: Der Jüngste ist zwei Jahre alt, die ältesten Kinder sind derzeit fünf. Je früher unsere Kinder körperlich, geistig oder im emotionalen Umgang gefördert werden, umso größer ist die Chance, bestehende Entwicklungsverzögerung aufzuholen. Wer bei uns in Regenstauf im Haupthaus ist, hört schnell, dass die Urmels nicht weit sind.

 ​​​​​​​

Bei Infineon arbeiten viele Mikrotechnologen oder Physiker, im TWH Erzieher und Sozialpädagogen. Wie war Ihr Werdegang und was sind Ihre Aufgaben?
Ich habe Erzieherin gelernt und nach zwei anderen Stellen 1992 als pädagogische Mitarbeiterin im Gruppendienst im TWH angefangen, später als Freizeit- und Erlebnispädagogin gearbeitet und parallel Sozialpädagogik studiert. Die Erziehungsleitung übe ich seit neun Jahren aus; das ist eine übergeordnete Instanz, eine beratende und kontrollierende Stelle für vier Gruppen. Ich habe Management-Aufgaben und bin Ansprechpartnerin für Eltern, Jugendämter etc.

 

Warum haben Sie sich für Ihren Beruf entschieden?
Es ist gut und wichtig, dass es Einrichtungen wie das TWH gibt. Wir leisten gute sinnstiftende Arbeit. Dazu gehört, mit den Kindern in Beziehung und Bindung zu kommen, einen stabilen und belastbaren Rahmen anzubieten, Sicherheit und Fürsorge und auf Fachebene unser Tun und Handeln regelmäßig zu reflektieren. Ich persönlich kann in meinem Beruf das tun, was ich gerne tue: hilfreich sein.

 

Lassen Sie uns einen Vergleich mit Infineon wagen…
Von den Aufgabengebieten her sind Infineon und das TWH so gar nicht vergleichbar. In großen Industriebetrieben muss die Produktion laufen und die Zahlen müssen stimmen. Wir sind hoch darauf trainiert zu schauen, wie es zwischenmenschlich läuft und Familien und vor allem den Kindern Wege aus der Krise zu zeigen. Dafür verfügen wir über professionelles Know-how und fundiertes Wissen um psychologische und pädagogische Zusammenhänge. Die Kollegen im Haus sind Profis in ihrem jeweiligen Fachbereich. Das ist unsere Kernkompetenz.
Unsere Mitarbeiter sind unser kostbarstes Gut, wir versuchen daher, ihnen die Wertschätzung zu geben, die sie verdienen; denn unsere Kinder brauchen stabile Erzieher. Im TWH sind 120 Mitarbeiter beschäftigt, davon arbeiten nur wenige Männer im Gruppendienst, im Leitungsbereich sind es etwas mehr. Das Geschlechterverhältnis dürfte bei Infineon anders sein. Erzieherin ist ein klassischer Frauenberuf.

 

Eine Fee stellt Ihnen einen Wunsch frei: Was soll Infineon erfinden, das das Leben der Kinder einfacher und besser macht?

Für die Kinder wünsche ich einen Sensor, der ihren Recyclingdienst wegzaubert (lacht). Noch besser wäre ein Toleranz-Sensor, der die Menschen der Jugendhilfe gegenüber offener macht, der für mehr Sensibilität in der Öffentlichkeit sorgt. Denn im TWH geht es nicht nur traurig zu: Man kann mit uns lachen und Spaß haben, wir nehmen Anteil an den Schicksalen und Leben der Kinder und, das Wichtigste: Wir schauen mit unseren Kindern in die Zukunft.

 

Eine letzte Frage: Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Infineon denken?
An die regelmäßigen herzlichen Begegnungen. Es menschelt. Ein Chef zum Anfassen. Und wir freuen uns über die jahrelangen guten Kontakte zwischen uns. Vielen Dank dafür. ​

 

Von: Zierer Barbara (IFAG C)

Postanschrift

Thomas Wiser Haus
Hauptstraße 11-15
93128 Regenstauf

Kontakt

Tel.: +49 (0)9402-93020
Fax: +49 (0)9402-930233
info@thomas-wiser-haus.de

Impressum

Stiftungsrat:
Johann Schottenhammel

Geschäftsführer:
Karl Heinz Weiß