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Julias Berufspraktikum in Lilli

Mein Berufspraktikum in der Gruppe Lilli

 

Ich beuge mich über das Kinderbett und schaue von oben hinein.  In dem Bettchen liegt ein kleiner blonder Junge.  Er schaut mir in die Augen und ich beginne mit ihm zu reden. Dann streichle ich ihm über den Kopf und er schenkt mir ein noch verschlafenes Lächeln.

So oder  auf ähnliche Weise hat so mancher Morgen in der Gruppe Lilli begonnen, einer Gruppe für junge Mütter mit ihren Kindern. Recht viel mehr wusste ich nicht, als ich im September 2014 mein Berufspraktikum begonnen habe. Die Bandbreite der Aufgabenbereiche in der Gruppe Lilli war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Auf der einen Seite stehen junge Frauen, von denen jede einen großen Sorgenrucksack mit sich herumtragen muss und auf der anderen Seite tragen eben diese jungen Frauen die Verantwortung für ein Kind.

 

Rückblickend betrachtet war dieses Jahr wohl ohne Zweifel das schwierigste im Zuge meiner Ausbildung. Immer wieder sah ich mich mit großen Herausforderungen konfrontiert, immerhin war diese Einrichtung noch ziemliches Neuland für mich. Zeitgleich stelle ich aber fest, dass dieses Jahr auch das lehrreichste und schönste für mich war, in dem ich jede Menge Erfahrungen sammeln konnte – positive wie negative, einzigartige, tief emotionale und bewegende Momente.

Ich habe eine Gruppe erlebt, die schon aufgrund ihrer Zusammensetzung sehr besonders war. Auch die einzelnen Klientinnen sind, jede für sich, etwas Besonderes. Jede trug ihre eigene große Geschichte mit sich, die bei keiner einfach zu erzählen wäre. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass ich zu jeder von ihnen eine Beziehung aufgebaut habe.

Ich persönlich bin in meinem Jahr auch so manches Mal an meine Grenzen gestoßen und hin und wieder befielen mich durchaus  Zweifel, ob ich überhaupt den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Die Erklärung ist ganz einfach: Die jungen Frauen stehen einem binnen kürzester Zeit sehr nahe, dadurch fühlt es sich so an, als würden die Dinge, die ihnen widerfahren, einem selbst passieren.  Einfach weil man immer so nah an den jungen Frauen dran ist und somit eben auch alles miterlebt was die Mütter erleben. Ich habe eine Einjährige das erste Mal krabbeln sehen und habe den Zusammenbruch einer Zwanzigjährigen hautnah miterlebt.

Dies alles sind Grenzerfahrungen, die aber mit großer Sicherheit einen enormen Teil dazu beigetragen haben, dass ich  mich jetzt tatsächlich eine Erzieherin nennen darf. Eine der wohl schönsten und bewegendsten Erfahrungen war, als die Gruppe erfahren hatte, dass ich ab September weg sein würde  und alle erklärten, dass das sehr schlimm für sie sei und mich fragten ob ich nicht bleiben könne.

Natürlich besteht  das Berufspraktikum nicht nur aus tollen Arbeitserfahrungen, man hat unter anderem auch 16 Schultage, die es heißt zu überstehen. Außerdem muss man Leistungsnachweise erbringen. Einer davon war die Facharbeit, bei der ich mir anfangs dachte: „Ach kein Thema, das schreib ich auf zwei Wochen“. Letzten Endes hab ich mich aber so sehr in diese Arbeit reingesteigert, dass es ganze acht Wochen gedauert hat. Schön war, dass die Mütter aber großen Spaß an der Durchführung meiner  Handlungseinheiten hatten.  Mein Thema war die Erarbeitung relevanter sexualpädagogischer Aspekte. Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit der Gruppe über ihren Traummann zu sprechen, oder auch den Unterschied zwischen Liebe und Sex zu erarbeiten. Obwohl die Gruppenabende stets mit verschiedenen Aufgaben und Themen gefüllt, hatten die Mütter doch immer Spaß daran und haben sich darauf gefreut.  So kam ich ihnen natürlich auch näher.

Ich kann mich noch sehr gut an einen Dienstag erinnern. Ich hatte Zuhause Stress und war wirklich richtig schlecht gelaunt, als ich in der Arbeit ankam.

Eine Mutter begrüßte mich gleich beim Betreten der Gruppe mit den Worten: „Oh die Julia hat heute schlechte Laune!“ Und genauso reagierten auch alle anderen Mütter. Am Abend war ich dann gar nicht mehr so schlecht gelaunt, weil ich so positiv überrascht war, wie feinfühlig jede einzelne dann doch sein konnte. Es war auch toll zu merken, dass nicht nur ich die Mütter kennen gelernt  hatte, sondern sie mich umgekehrterweise genauso. Gleichzeitig hat es mir aber auch ein Stück weit Angst gemacht, weil es ja auch zeigte, wie nah sich die Gruppe und ich mittlerweile standen.

Das  bringt mich zu dem Punkt,  der eindeutig die größte Herausforderung für mich darstellte - Nämlich, eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz zu schaffen. Wenn man der Gruppe gar nichts erzählt und es sie „nur“ als einen Job betrachtet, kommt man nicht an sie heran und hat dann wahrscheinlich auch keinen Spaß an der Arbeit. Aber man braucht natürlich eine gewisse Distanz, da es jaauf der anderen Seite doch wieder nur ein „Job“ ist.  Man muss versuchen,  die Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen, ansonsten kann man diese Tätigkeit nicht lange ausüben. Als wir Anfang des Jahres einen kleinen Jungen in Obhut genommen hatten, konnte ich mich nur schwer davon abgrenzen und habe mich auch daheim immer gefragt, was er wohl  gerade macht. Das ging so weit, dass auch mein Freund zu mir sagte: „ Kannst du nicht endlich wieder von was Anderem sprechen?“ (normalerweise ist er sehr geduldig). Aber auch diese Zeit hat mich geschult. Beim nächsten Mal, sollte es eines geben, werde ich nicht mehr mit ganz so viel Herz an die Sache heran gehen und versuchen zu lernen, mich besser abzugrenzen.

Sehr hilfreich war für mich das ganze Jahr über das Zusammenkommen des Teams jeden Mittwoch. Zum einen ist es der einzige Termin, an dem das ganze Team zusammenkommt. Und zum anderen werden einem dabei Ängste genommen und ich habe oft festgestellt, dass es in manchen Situationen nicht nur mir so ergangen ist, sondern dass auch eine Kollegin ähnliche Probleme hatte.

Als Schlussresümee kann ich nur sagen, dass es durchaus Sinn macht, dass die Ausbildung fünf Jahre lang dauert. Gerade dieses fünfte Jahr hat mich in vielerlei Hinsicht noch sicherer werden lassen. Außerdem wurden an mich nicht die gleichen Erwartungen gestellt wie an meine Kolleginnen, da ich trotzdem unter dem Deckmantel der Praktikantin stand, was oft für Erleichterung gesorgt hat.

Das Thomas-Wiser Haus war für mich ein toller Arbeitgeber und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Noch toller war mein Team, ohne das mein Jahr nicht halb so schön geworden wäre, wie es dann letztendlich war. Ich bedanke mich für ein schönes  5. Ausbildungsjahr.

 

 

 

 

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